"Ich erwarte immer eine klare Formulierung der Forschungsfrage..."

Interview mit Prof. Dr. rer. nat. Ursula Georgy

TH Köln, Institut für Informationswissenschaft

 

1.    Für welche Förderprogramme sind Sie am häufigsten gutachterlich tätig?

„Hier gibt es keine Schwerpunkte, da es sich bei der Informationswissenschaft um ein kleines Fach handelt und mein Schwerpunkt mit Informationsmarketing incl. Qualitätsmanagement und Innovationsmanagement sehr speziell ist.“

 

2.    Wie viele Forschungsanträge begutachten Sie in etwa pro Jahr?

„Es sind ca. vier bis fünf Anträge pro Jahr.“

 

3.    Wie lesen Sie Forschungsanträge? Am Stück oder mit Unterbrechungen?

„So wie alle anderen Abschlussarbeiten, Projektpapiere etc. auch. Erst einmal verschaffe ich mir einen groben Überblick durch eine Art Scan-Reading. Im zweiten Durchgang wird der Antrag dann im Detail gelesen.“ 

 

4.     Wie häufig kommt bei Ihnen der Gedanke auf: Das könnte eine sehr gute Idee sein, aber leider ist sie sehr schlecht geschrieben worden?

„Das ist in den letzten Jahren weniger geworden und kommt nur noch recht selten vor. Hier haben in den letzten Jahren Beratungen und Weiterbildungen zu dem Thema „Schreiben von Anträgen“ deutlich zugenommen und werden offensichtlich auch gut angenommen.“

 

5.    Was sind aus Ihrer Sicht die häufigsten Ursachen für solche „schlecht geschriebenen“ Anträge?

„Keine klare Forschungsfrage und unscharfe Zielsetzung. Manchmal passen auch die Hypothesen nicht zur Forschungsfrage, d.h. sie beziehen sich nicht strikt auf die Forschungsfrage sondern gehören zu einem zweiten oder gar dritten Thema.“

 

6.    Was macht für Sie einen gut geschriebenen Antrag aus?

„Ich erwarte immer eine klare Formulierung der Forschungsfrage, die auch eindeutig umrissen sein muss – nicht zu eng und nicht zu weit gefasst – sowie die Formulierung von Unterfragen oder Hypothesen, die sich aber eindeutig auf die zentrale Frage fokussieren müssen.“

„Zudem ist für mich eine solide Literaturliste mit aktueller Primärliteratur wichtig. Aus den Ausführungen sollte auch hervorgehen, dass diese Primärliteratur auch rezipiert wurde und nicht nur aus einer anderen Quelle als scheinbare Primärquelle zitiert wird. Dafür bekommt man ein Gespür.“

 

7.     Wurden Sie mit den Jahren gegenüber Antragsteller*innen milder oder kritischer in der Begutachtung?

„Eher kritischer, da es immer leichter geworden ist, an gute Informationen zu kommen, sich mit anderen Forscher*innen zu vernetzen.“

 

8.    Wieviel Prozent Ihrer Kollegen sind aus Ihrer Sicht eher wohlwollend in der Bewertung?

„Das kann ich nicht sagen, aber ich glaube, der weitaus größte Teil. Wohlwollend, aber trotzdem kritisch im positiven Sinn.“

 

9.    Was sind die Hauptgründe einen Forschungsantrag positiv zu bewerten?

„Wenn hinter dem Antrag eine innovative Idee steckt, der Antrag in das Forschungsumfeld der Einrichtung passt und dieser in sich schlüssig ist, so dass ein roter Faden erkennbar ist.“

 

10. Was sind die Hauptgründe einen Forschungsantrag negativ zu bewerten?

„Ich erwarte, dass die Formalia korrekt und einwandfrei sind. Der Antrag sollte orthographisch und grammatikalisch korrekt sein. Wenn dem nicht so ist, dann habe ich das Gefühl, dass die Antragstellung nicht mit der notwendigen Ernsthaftigkeit erfolgte.“

„Wenn sich beim Lesen nicht (sehr) schnell eine innere Logik des Antrags erschließt, dann bewerte ich Anträge auch negativ. Manchmal hat man den Eindruck, dass die Themen nicht zwingend zu der Ausschreibung passen, aber dann versucht wurde, das Thema so „hinzubiegen“, dass es doch noch passt – zumindest scheinbar.“ 

 

11.  Wie oft kommt es vor, dass Sie komplett uneinig mit Gutachterkolleg*innen bzgl. desselben Projektantrages sind?

„Ich glaube, das kam bisher nur ein oder zwei Mal vor. Das ist ähnlich wie bei BA-oder MA-Abschlussarbeiten. Fast immer liegt man auch dort in der Bewertung beieinander. Eine gewisse Uneinigkeit ist normal und ist letztendlich durch die Beauftragung mehrerer Gutachter*innen auch gewünscht. Eine einzige Person kann nicht alle Facetten eines Antrags beurteilen. Da sind die Kolleg*innen auch eine wichtige Hilfe / Ergänzung.“

 

12. Was ist Ihr wichtigster Ratschlag an Antragsteller*innen?

„Ich empfehle, ganz zu Beginn – vor dem Schreiben des Antrags – eine Art „Science Pitch“ zu erstellen. Die Antragsteller*innen sollten in der Lage sein, ihr Forschungsprojekt in wenigen Minuten überzeugend darzustellen. Wenn dies gelingt, kann ein solcher Pitch eine Art Kristallisationskeim für einen guten Antrag darstellen.“

„Im Marketing hat sich das sogenannte Business-Storytelling etabliert. Potenzielle Kund*innen kaufen nichts, wenn sie nicht verstehen, welchen Mehrwert ein Produkt / eine Dienstleistung ihnen liefert. Wenn Fakten in ein Storyformat übertragen und übersetzt werden, lassen sich Botschaften leichter transportieren. Dieses Konzept kann auch auf Anträge übertragen werden. Es ist wichtig, mit der Idee zu überzeugen, das geplante Projekt auf den Punkt zu bringen und komplexe Inhalte wissenschaftlich, aber verständlich, darzustellen.“ 

„Viele der Anträge müssen unter großem Zeitdruck erstellt werden. Trotzdem sollten sie mit der hinreichenden Sorgfalt vorbereitet und dann geschrieben werden.“ 

 

13.  In Deutschland ist die Begutachtung von Forschungsanträgen eine unvergütete, freiwillige zusätzliche Arbeit -  warum machen Sie das eigentlich?

„Die Begutachtung von Forschungsanträgen und die Mitwirkung in Gremien – auch außerhalb der Hochschule – ist rein intrinsisch motiviert. Letztendlich sind die Tätigkeiten ein Geben und Nehmen. Und ohne dieses stille Commitment würde vieles nicht funktionieren. Daher hoffe ich, dass es auch weiterhin genügend Kolleg*innen gibt, die diese Tätigkeiten gerne übernehmen.“