Jammern wir zu viel?

 

Wie schade, dass es mit einer Präsenzveranstaltung nicht geklappt hat, heißt es immer zu Beginn eines Webinars und dann schauen alle etwas bedeutungsschwer in die häusliche Webcam. Aber ist es denn wirklich immer nur schade?

 

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es ganz wunderbar ist, dass wir alle so schnell eine virtuelle Alternative gefunden haben, um uns auszutauschen, um an Webinaren teilzunehmen, um nicht alle Konferenzen und Tagungen ausfallen zu lassen. Ja, es ist nicht optimal, aber Hand aufs Herz: Für viele Selbstständige, wie für mich, wäre 2020 ohne diese Möglichkeit das garantierte Ende unserer liebevoll aufgebauten Tätigkeit.

 

Zweitens nehmen definitiv mehr Personen an Veranstaltungen teil, die es sich aus diversen Gründen nicht leisten konnten zu Veranstaltungen im In- oder Ausland zu reisen. Jetzt können Sie die Vorträge, irgendwann am Tag oder am Abend, wenn es ihnen irgendwie reinpasst hören und notfalls nicht am Stück, sondern immer wieder mal. Das ist doch toll. Kollegen*innen, die in Elternzeit sind können besser den Kontakt zu ihren Arbeitsbereichen halten, um nicht den viel gefürchteten Anschluss zu verlieren, wenn sie in ein paar Monaten wieder da sind. Das gilt für Besprechungen wie für Weiterbildungen, das war vor einem halben Jahr absolut unmöglich.

 

„Aber“, tönt es sogleich aus der ein oder anderen Ecke, „was ist mit der Qualität? Die nimmt doch ab, denn die Teilnehmer*innen beteiligen sich nicht richtig an der Diskussion. Und überhaupt melden sich alle immer überall an und nehmen dann doch nicht teil.“ Stimmt das denn? Haben wir denn die Qualität von Präsenzveranstaltungen nicht ebenfalls stetig in Frage gestellt und wie oft in der Kaffeepause beanstandet, dass die immer gleichen Personen, im Rahmen der immer gleichen Formate, die immer gleichen Ansichten zum Besten geben? Und die Sache mit den Anmeldungen und tatsächlichen Teilnahmen? Wer kennt es nicht, dass nicht alle, die zur Konferenz gefahren sind, ausschließlich auf der Konferenz anzutreffen waren.

 

Ja, es wird weniger diskutiert und wer hätte gedacht, dass wir alle irgendwann mal tatsächlich den schlechten Kaffee in den Pausen vermissen würden und tatsächlich sozial bedürftiger sind, als wir vielleicht dachten. Daher gibt es sicherlich gute Gründe Dinge zu beanstanden, aber genauso viele Gründe, um sich retroperspektiv auch mal auf die Schulter zu klopfen. In Bezug auf eine Sache bin ich mir sehr sicher: Wenn wir uns dann wieder vertraut am Stehtisch treffen, mit dem Kaffee in der Hand, wird sicherlich der eine oder die andere sagen, dass er/sie die virtuelle Zeit vermisst und der Kaffee zuhause viel besser schmeckt. So ganz ohne jammern würden wir sicherlich knapp an Themen sein!

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